Myzel als Material: einen Blumentopf in zwei Wochen wachsen lassen
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Wer ein Zuchtset hatte, kennt das Gefühl: Der Block ist am Ende fest, leicht und zusammenhängend, als würde das Substrat von einem weißen Netz zusammengehalten. Dieses Netz ist das Myzel, und genau diese Fähigkeit, loses Material zu einem Ganzen zu binden, nutzen Designer und Hersteller seit einigen Jahren. Daraus werden Verpackungen gemacht, Dämmplatten, Lampenschirme und sogar Bausteine. Das Prinzip ist einfach genug, um es zu Hause nachzumachen, mit einem Tütchen Brut und einem alten Blumentopf als Form. Ein schönes Projekt für ein verregnetes Wochenende, und eine gute Gelegenheit zu lernen, was Myzel eigentlich tut.
Wie funktioniert es?
Myzel wächst durch ein nahrhaftes Substrat und verbindet dabei jedes Teilchen mit dem nächsten. Lässt man das in einer Form geschehen, nimmt das Myzel die Gestalt der Form an. Nimmt man es danach heraus und trocknet es, stirbt der Pilz, und eine leichte, feste, isolierende Struktur bleibt zurück: verdichtetes Substrat, zusammengehalten von Pilzfäden. Das ist Myzel-Material. Es ist biologisch abbaubar, leicht und seltsamerweise schwer entflammbar. Der Austernpilz ist eine der besten Arten dafür, weil er schnell wächst und fast jedes Substrat annimmt.
Was brauchst du?
- Ein Tütchen Austernpilzbrut mit 80 Gramm.
- Substrat: gehäckseltes Stroh, Hanffaser oder Sägemehl, etwa zwei Liter. Feines Material ergibt eine glattere Oberfläche.
- Zwei ineinander passende Blumentöpfe, der große als Außenform und der kleine als Innenform. Oder ein Topf und ein Plastikbeutel mit Sand als Innenform.
- Einen großen Topf zum Pasteurisieren des Substrats, Frischhaltefolie und einen sauberen Arbeitsplatz.
Schritt für Schritt
- Pasteurisieren. Substrat eine Stunde in 70 bis 80 Grad heißes Wasser, nicht kochen. Abtropfen lassen, bis es feucht ist, aber nicht tropft: Drückt man es, kommen ein paar Tropfen heraus.
- Mischen. Hände waschen, Substrat auf Handwärme abkühlen lassen, Brut hineinkneten. Gut verteilen, jeder Teil der Form muss Brut enthalten.
- Füllen. Außenform mit Folie auskleiden, damit man es später herausbekommt, Substrat hinein, Innenform fest hineindrücken, sodass eine Wand von zwei bis drei Zentimetern entsteht. Andrücken, Rand auffüllen.
- Wachsen lassen. Die ganze Form in einen großen Plastikbeutel mit ein paar kleinen Löchern, an einen dunklen Platz um 20 Grad. Nach fünf bis zehn Tagen ist die Oberfläche weiß.
- Entformen und nachwachsen lassen. Vorsichtig aus der Form nehmen, zurück in den Beutel, noch drei bis fünf Tage, damit auch die Oberfläche zu einer glatten weißen Haut zuwächst.
- Trocknen. Im Ofen bei 60 Grad, bis er hart und leicht ist, meist ein paar Stunden, oder einige Tage auf der Heizung. Trocknen tötet das Myzel und macht den Topf stabil.
Warum misslingt es manchmal?
Aus denselben Gründen wie ein Eimer Austernpilze: Zu nasses Substrat fault und wird sauer, zu trockenes Substrat wächst nicht durch, und ein schmutziger Arbeitsplatz ergibt grünen Schimmel. Das Verhältnis von Brut zu Substrat darf hier großzügiger sein als beim Züchten, denn du willst Tempo, keine Ernte. Und nimm den Topf nicht zu früh aus der Form: Wenn das Substrat noch auseinanderfällt, war das Myzel noch nicht fertig. Ein Tag länger warten ist dann die ganze Lösung.
Kann man hineinpflanzen?
Ja, und das ist das Schöne. Ein getrockneter Myzeltopf hält Monate, wenn er nicht zu nass wird, und geht danach langsam in die Erde über, zusammen mit der Pflanze, die darin steht. Stell ihn also lieber in einen Übertopf oder auf einen Untersetzer. Wer ihn als Anzuchttopf verwendet, setzt den Sämling mitsamt Topf in die Rabatte und sieht den Topf verschwinden, während die Pflanze wächst.
Und warum erzählen wir das?
Weil es derselbe Pilz ist, und dieselbe Erkenntnis. Wer einmal gesehen hat, wie eine Handvoll Brut in zehn Tagen einen Topf zusammenbindet, versteht danach auch besser, was in einem Zuchtset oder einem beimpften Stamm passiert: keine Magie, sondern ein Organismus, der sein Essen zu einem Ganzen verbindet. Für Kinder, die nach einem Zuchtset mehr wollen, ist das der logische nächste Schritt. Und wer daraus einen Lampenschirm hinbekommt, darf uns ein Foto schicken.